Herausforderungen für die politische Bildungsarbeit

Rede des Vorsitzenden der Karl-Arnold-Stiftung, Dr. Bernhard Worms, Staatssekretär a.D. anlässlich der Eröffnung der neuen Geschäftsstelle der Karl-Arnold-Stiftung in Köln

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Sehr geehrte Damen und Herren,

der Umzug der Karl-Arnold-Stiftung von Königswinter nach Köln isnotwendig geworden, weil zum Jahresende das Adam-Stegerwald-Haus in Königswinter, in dem wir von 2002 bis 2013 ansässig waren, vom Träger, der Jakob-Kaiser-Stiftung, geschlossen wurde. Wir wissen alle, was es bedeutet ein Haus der Weiterbildung schließen zu müssen.

Rund 40 Jahre war die Karl-Arnold-Bildungsstätte an der Venner Straße in Bonn-Bad Godesberg Heimstatt für die Karl-Arnold-Stiftung. Hunderte Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker haben dort ihre ersten politischen Gehversuche unternommen und das politische Einmaleins erlernt. Viele tausende Bürgerinnen und Bürger sind von nah und fern nach Bonn-Bad Godesberg gereist, um sich politisch weiterzubilden, um miteinander und voneinander zu lernen und um politische Ziele zu formulieren und zu diskutieren. Schweren Herzens mussten wir nach dem Umzug von Bundestag, Bundesrat und großen Teilen der Bundesregierung nach Berlin  im Jahr 2001 aus wirtschaftlichen Gründen unser Tagungshaus aufgeben.

Anfang 2002 haben wir nach der Schließung unseren eigenen Tagungshauses den Sitz der Karl-Arnold-Stiftung nach Königswinter in das Adam-Stegerwald-Haus verlegt. Dort hatten wir nicht nur unserer Büroräume, sondern haben auch eine  Vielzahl von Bildungsseminaren im traditionsreichen Adam-Stegerwald-Haus durchgeführt.

Seit längerem ist zu beobachten, dass zumindest im Bereich der politischen Bildung die Nachfrage nach klassischen mehrtägigen Bildungsseminaren nicht mehr groß ist. Andere Bildungsformate, wie

  • Seminare vor Ort, an denen  politische Entscheidungen stattfinden – ich nennen hier nur Berlin, Straßburg oder Brüssel
  • Planspiele verbunden mit eintägigen Exkursionen
  • Eintägige oder maximal zweitägige Seminare ohne Übernachtung
  • Angebote des digitalen Lernens

werden heute verstärkt nachgefragt. Das macht es schwer für die klassischen Bildungshäuser, die auf mehrtägige Übernachtung mit Vollpension ihrer Gäste angewiesen sind.

Hinzukommt der enorme Sanierungs- und Modernisierungsstau in vielen Bildungshäusern. Seit Mitte der 1980iger Jahre hat das Land NRW die Bezuschussung von Investitionskosten eingestellt. Seither erhalten die Träger der Bildungshäuser keine Landesmittel für Investitionen mehr. Erforderliche Investitionen müssen die Träger der Bildungshäuser seitdem entweder aus eigenen Mitteln, Rücklagen, Krediten oder Finanzmitteln anderer öffentlicher oder privater Zuschussgeber finanzieren. Angesichts der Finanzknappheit in allen öffentlichen Bereichen und der Tatsache, dass es sich bei den Trägern der Bildungshäuser teilweise um kleinere, finanziell schwache Vereine handelt, hat sich in den Bildungshäusern in NRW ein großer Investitionsstau gebildet. Vielfach können die Träger selbst dringend notwendige Investitionen, z. B. in den Brandschutz oder in energetische Maßnahmen, nicht mehr aus eigener Finanzkraft finanzieren, mit der Folge, dass bereits eine Reihe von Bildungshäusern geschlossen wurden bzw. akut von der Schließung bedroht sind.

Auch das Adam-Stegerwald-Haus ist Opfer dieser Entwicklung und es ist kein  Einzelfall. Die Liste der Bildungsstätten, die seit 2000 geschlossen wurden oder deren Schließung angekündigt ist, wird immer länger. Angesichts dieser für das Land und seine Bürgerinnen und Bürger schlechten Entwicklung möchte ich meine Begrüßungsansprache auch dazu nutzen, die anwesenden Abgeordneten  für das Themas des schleichenden Sterbens der Bildungshäuser zu sensibilisieren.

In jedem Ende steckt bekanntlich auch immer ein neuer  Anfang. Uns hat der Weg nun nach Köln geführt. Wir haben uns ganz bewußt für die Stadt Köln und den Standort hier in der Eupener Str. entschieden. Hier finden wir alles, was wir für unsere politische Bildungsarbeit benötigen. Funktionelle Büroräume,  ein repräsentativer Tagungs-und Seminarbereich, eine sehr gute Verkehrsanbindung und das auch noch zu einer tragbaren Miete.

Auftrag und Ziel der Karl-Arnold-Stiftung ist es, junge und erwachsene Bürger für die Demokratie zu begeistern, sie mit ihren Rechten und Pflichten in Gesellschaft und Staat vertraut zu machen und sie im Sinne demokratischer Grundüberzeugungen und der christlichen Werteordnung zu bilden sowie zu motivieren, Verantwortung in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat zu übernehmen.

Mit Seminaren, Fachtagungen und Studienfahrten erfüllt die Stiftung ihren Auftrag, politisches Wissen zu vermitteln, Bürgerinnen und Bürger für die Demokratie zu begeistern und gleichzeitig zu befähigen, diese mit christlich-sozialen Ideen mitzugestalten.

Diesen Auftrag haben wir sowohl in Bonn-Bad Godesberg wie Königswinter erfolgreich umgesetzt. Ich bin mir sehr sicher, auch hier an unserem neuen Standort in Köln wird dies uns gelingen.

Die Karl-Arnold-Stiftung ist für die Zukunft sehr gut aufgestellt. Wir haben engagierte und  fachlich herausragende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir haben ein pädagogisch und fachlich geschultes Team von nebenberuflichen Dozentinnen und Dozenten. Wir haben viele neue innovative Bildungsangebote, die mehr und mehr nachgefragt werden. Wir sind solide finanziert. Und jetzt haben wir auch noch die passende Geschäftsstelle.

Ich eröffne die Geschäftsstelle und übergebe sie ihrer Bestimmung. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dem Vorstand und allen, die die neuen Geschäftsräume der Karl-Arnold-Stiftung besuchen, wünsche ich  allzeit alles Gute und Gottes Segen.

Planspiele und Studienfahrten – Kombination zweier erfolgreicher Lehrmethoden

Die Herausforderungen an politische Bildungsarbeit sind zahlreich. Neben förderrechtlichen und organisatorischen Fragen steht bei der Konzeption eines jeden Seminares die Frage nach dem Lernziel und der didaktischen Aufbereitung der Inhalte im Mittelpunkt der Planungen. Politische Prozesse in unserem demokratischen, föderalen System sind komplex und wirken auf Außenstehende kompliziert und oftmals auch abstoßend. Um dem entgegenzuwirken, muss politische Bildung neben Faktenwissen auch ein Gefühl für Entscheidungsfindungen vermitteln und somit die Teilnehmenden in die Lage versetzt, das Zusammenwirken demokratischer Institutionen zu verstehen und Entscheidungen von Politikern nachvollziehen zu können.

Dies gilt insbesondere für die Europapolitik. Obwohl über die Arbeit der Institutionen der EU nach unseren Erfahrungen in weiten Teilen der Bevölkerung noch weniger Wissen als über das politische System der Bundesrepublik Deutschland vorhanden ist, wird gerne und ausgiebig über „Brüssel“ geschimpft. Vor diesem Hintergrund bieten wir einige europapolitische Planspiele an. Zielgruppe sind hauptsächlich Jugendliche, aber auch mit älteren Teilnehmer/innen haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Teilnehmenden werden durch vereinfachte Simulation einer politischen Situation in die Lage versetzt, realistisch und praxisbezogen Einblicke in die Probleme und Zusammenhänge zu bekommen, eigene Entscheidungen zu treffen und Konsequenzen des Handelns zu erleben. Die Entscheidungen werden im Rahmen der Rollen und des vorgegebenen Settings so kreativ und selbstorganisiert wie möglich getroffen. Hierdurch werden Hintergründe deutlich und politische Entscheidungsfindungsprozesse nachvollziehbar (die konkrete Umsetzung am Beispiel des Planspiels „Powerplay im Euroraum“ finden Sie hier). 

Zur Vertiefung des im Rahmen eines Planspieles erworbenen Wissens bietet sich eine Veranstaltungsform an, mit der wir ebenfalls sehr gute Erfahrungen in allen Altersgruppen gemacht haben: Die Studienfahrt. An den Schauplätzen des politischen Geschehens werden bürokratisch anmutende Konstruktionen und verwirrende Begriffe wie Europäische Kommission, Europäischer Rat und Rat der Europäischen Union greifbar und durch Informationsbesuche in den Institutionen mit Namen und Gesichtern verknüpft. Mit Politiker/innen und Referenten/innen kann darüber hinaus über Arbeitsweise und aktuelle politische Fragen auf Grundlage der im Planspiel erlebten Hintergründe diskutiert werden.

Ein wichtiger Aspekt von Studienfahrten ist überdies die Geschichte der besuchten Orte. Bei Stadtführungen durch die europäischen Hauptstädte Brüssel, Straßburg und Luxemburg mit ihrer bewegten Vergangenheit wird deutlich, dass die Europäische Union eines der erfolgreichsten friedensstiftenden Projekte der Weltgeschichte darstellt. Auch das ist eine Tatsache, die vielen Europäern nicht bewusst ist und die nur durch einen Besuch vor Ort nachhaltig wirken kann (einen Erlebnisbericht über eine Studienfahrt nach Straßburg von Schüler/innen aus Saarbrücken finden Sie hier).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Kombination von Planspielen und Studienfahrten für alle Altersgruppen sehr gut eignet, um sperrige Themen der politischen Bildung nachvollziehbar zu machen und mit Leben zu füllen.  

Nach der Wahl blühen die Mythen

Ein Gastbeitrag von Ulrich Horn

Die Parteien lieben Mythen. Sie schaffen Illusionen, mit denen sich die Wirklichkeit verkleiden und verklären lässt. Besonders groß ist der Bedarf nach Mythen vor und nach Wahlen, wenn es darum geht, Entwicklungen voranzutreiben oder zu bremsen.

Rechte und Linke

Ein Mythos ist die Behauptung, in Deutschland gebe es eine linke Mehrheit. Hält man Linke, SPD und Grüne für linke Parteien, haben sie im Bundestag zwar die Mehrheit der Mandate. Doch schaut man genauer hin, schrumpft die Mehrheit schnell zur Minderheit.

Rund 15 bis 20 Prozent der SPD zählen zu ihrem rechten Flügel. Wer sich dem Seeheimer Kreis verbunden fühlt, wird kaum als Linker gesehen. Viele Rechte in der SPD stehen dem linken Flügel der CDU näher als dem linken Flügel ihrer Partei. Viele Rechte in der SPD bekämpfen die Linken in ihrer Partei, und umgekehrt.

Ähnlich verhält es sich bei den Grünen. Auch sie sind nicht durchgängig links. Der Anteil der Realos, die sich von den grünen Linken absetzen, liegt eher über als unter 40 Prozent.

Niedrige Mauern

Die Linken stellen wohl die Mehrheit bei den Grünen, in der SPD und bei der Partei Die Linke. Die Mehrheit in Deutschland stellen sie jedoch nicht. Sie nutzen den Mythos von der linken Mehrheit, um ihre Parteien auf linke Positionen festzulegen und die Dominanz linker Politiker zu verstärken.

Ein Mythos ist auch die Behauptung, das Ruhrgebiet sei die Hochburg der SPD. Das war einmal. Die SPD ist immer noch stärkste Kraft im Ruhrgebiet. Doch die Hochburg hat inzwischen ziemlich niedrige Mauern.

Bei der Bundestagswahl erreichte die Ruhr-SPD nur 39,1 Prozent, die Ruhr-CDU 32,6 Prozent. Der Abstand zwischen beiden Parteien hat sich gegenüber 2009 deutlich verkürzt. Wenn das Revier mit 39,1 Prozent SPD-Hochburg ist – hat Merkel dann mit 41,5 Prozent Deutschland zur Unionshochburg gemacht?

Personal und Programm

Auch die Behauptung, Parteien seien unfähig zu lernen, ist ein  Mythos. Die Grünen und die FDP versuchen gerade, aus Schaden klug zu werden: Sie wollen Personal und Inhalte erneuern. Sie signalisieren den verlorenen Wählern: Wir haben die Botschaft verstanden.

Diese Erfahrung teilen die meisten der zehn Millionen Wähler, die der SPD seit 1998 den Rücken kehrten, wohl nicht. Die Partei scheiterte im Wahlkampf mit dem Versuch, 50 Prozent dieser Wähler zurückzugewinnen. Sie schaffte gerade mal 13 Prozent.

Warum die anderen wegblieben und was die Partei ändern muss, um attraktiver zu werden, beschäftigt die SPD offenbar kaum. Statt ihre Defizite zu beheben, behauptet sie, ihr Personal und ihr Programm seien doch hervorragend. Ob die Wähler das für einen Mythos halten?

„Warum soll ich Euch die Stimme geben?“

Oder: Wie aus Versprechen Versprechungen werden

Ein Gastbeitrag von Dr. Stephan Eisel

„Beide schaden sich selbst: der, der zu viel verspricht und der, der zu viel erwartet.“ – fast könnte man meinen, diese Bemerkung von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) sei ein aktueller Kommentar zum Bundestagswahlkampf. Aber Lessing spricht ganz allgemein die Zerbrechlichkeit menschlicher Verlässlichkeit und Ehrlichkeit an. Politik ist davon nicht ausgenommen, aber auch nicht alleine davon betroffen.

Wer etwas verspricht, verpflichtet sich eigentlich verbindlich, etwas Bestimmtes zu tun oder zu lassen. Versprechen klingt nach Bindung und Vertrauen. Begriffe wie Eheversprechen, vielversprechend, Eid, Ehrenwort, Garantie oder Zusage haben eine positive Anmutung. Aber schon der Duden setzt mit der vorsichtigeren Definition des Versprechens als der „Veranlassung zu einer bestimmten Hoffnung“ ein Warnzeichen.

Wie zum Versprechen als Pflicht die Verlässlichkeit gehört, so ist seine Kür die Ankündigung von Erfreulichem. Das macht seine Attraktivität und Versuchung aus, denn jeder hört doch gerne, wenn Erfreuliches in Aussicht gestellt wird. Nicht von ungefähr ist das Gegenstück zum Versprechen die Drohung – die Ankündigung von Unheil.

Wie sehr sich der Begriff „Wahlversprechen“ inzwischen von diesem Sprachgebrauch entfernt und verselbstständigt hat, wird schon daran deutlich, dass er viele eher an Drohung denken lässt als an Versprechen. Im allgemeinen Verständnis haben Wahlversprechen jedenfalls einen ausnahmslos schlechten Ruf. Ihnen haftet klebrig sowohl der Populismusverdacht als auch die Assoziation des „Versprochen – Gebrochen“ an. Dieses schlechte Image haben Parteien und Politiker verursacht, aber Wähler sind daran nicht völlig unschuldig.

Zunächst ist es nämlich das völlig legitime Recht der Wähler – eigentlich sogar ihre Pflicht – vor der Wahl danach zu fragen, was nach der Wahl geschehen soll. Es gehört zu den selbstverständlichen Spielregeln für Kandidaten vor einer Wahl offenzulegen und sich danach fragen zu lassen, was nach der Wahl geschehen soll. Wer sich dem verweigert, riskiert von den Wählern kein Vertrauen zu erhalten.

Die klassische Wählerfrage „Warum soll ich Euch die Stimme geben?“ ist nichts anderes als Bitte um eine verbindliche Zusage zu künftigem Verhalten. In diesem Sinn kommt um „Wahlversprechen“ niemand herum, der sich mit Erfolgsaussichten einer demokratischen Wahl stellen will. Selbst das beliebte „Ich verspreche nur, dass ich nichts verspreche“ – was man auch als „Ich halte mir alle (Hinter)türen offen“ verstehen kann – ist eine Reaktion auf die Wählerfrage nach dem Wahlversprechen.

Das Problem von Wahlversprechen ist also nicht, dass es sie gibt: Sie werden als politische Zukunftsaussagen vom Wahlbürger sogar meist nachdrücklicher eingefordert und als von Kandidaten bereitwillig gegeben. „Wahlversprechen“ haben ihr schlechtes Image, weil sie nach der Wahl nicht mehr zu gelten scheinen.

Dabei mag es durchaus objektive Gründe geben, warum das vor der Wahl ernsthaft in Aussicht Gestellte nach der Wahl nicht mehr realisierbar ist. Im politischen System der Bundesrepublik Deutschland hat das vor allem mit dem Zwang zur Koalitionsbildung zu tun, der sich fast automatisch aus dem Verhältniswahlrecht ergibt.

In Koalitionen kann kein Partner seine „reine Lehre“ durchsetzen, es regiert der Kompromiss. Aussagen vor der Wahl werben aber für die eigene Sache, die „reine Lehre“ und eben nicht für vorweggenommene Kompromisse. Diese Diskrepanz kann für Gewählte ebenso frustrierend sein wie für Wähler. Bei Kompromissen fühlen sich selten alle als Gewinner. Man trauert eher dem nicht Erreichten nach als man sich am Durchgesetzten freut.

Auf diesen Zwang zum Kompromiss bezog sich Franz Müntefering als er als damaliger SPD-Vorsitzender Anfang September 2006 vor der Bundespressekonferenz sagte, es sei „unfair“ wenn die „Koalition an dem gemessen (werde), was in Wahlkämpfen gesagt worden ist.“ Einige Tage später wiederholte er in den Sturm der Entrüstung hinein: „Ich bleibe dabei: Dass wir oft an Wahlkampfaussagen gemessen werden, ist nicht gerecht.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung 5.9.2006).

Im Jahr zuvor hatte die SPD im Bundestagswahlkampf die CDU wegen ihrer Ankündigung einer zweiprozentigen Mehrwertssteuererhöhung scharf angegriffen („Merkelsteuer“) und das Wahlversprechen abgegeben, mit ihr werde die Mehrwertsteuer nicht erhöht. Die Große Koalition hatte sich dann nach der Wahl aber auf eine Anhebung um drei Prozent verständigt.

An diesem Vorgang wird exemplarisch deutlich, wodurch Wahlversprechen im Kern diskreditiert sind: Parteien und die meisten Politiker glauben offenbar, Wähler nur mit angenehmen „Versprechungen“ gewinnen zu können und tendieren dazu, gerade vor Wahlen Unangenehmes eher zu verschweigen – so als gäbe es nach einer Wahl nur die heile Welt. So werden in der Politik aus dem verlässlichen Versprechen wertlose Versprechungen.

Daran ändern auch Einschränkungen wie generelle Finanzierungsvorbehalte nichts, die sich häufig im Kleingedruckten von Wahlprogrammen finden. Dort versteckt bestätigen sie nur die Scheu davor, scheinbar Unpopuläres vor Wahlen deutlich auszusprechen. Gerade für die Union ist es übrigens angesichts ihres jahrzehntelang aufgebauten Rufes eines Sachverwalters solider Staatsfinanzengefährlich, mit kurzfristigen ausgabewirksamen Wahlversprechungen das nachhaltige Wahlversprechen solider Staatsfinanzen zu unterlaufen.

Solchen Versuchungen erliegen Parteien leicht, weil es bei demokratischen Wahlen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – , nicht um ein Dankeschön für Geleistetes geht, sondern um die Zukunftserwartungen der Bürger. Die absolute Mehrheit für Konrad Adenauer 1957 und den Wahlsieg Helmut Kohls 1990 könnte man als Ausnahme von dieser Regel betrachten, wenn man im einen den „Dank“ für das „Wirtschaftswunder“ und im anderen die Anerkennung für den Weg zur deutschen Einheit sieht.

Viel zahlreicher sind aber die Fälle, bei denen Wahlen trotz unbestrittener Leistungen in der Vergangenheit verloren wurden, weil ein Konzept für die Zukunft fehlte. Das klassische Beispiel ist die Wahlniederlage von Winston Churchill im Juli 1945: Als Premierminister hatte die Leitfigur der Konservativen Großbritannien im 2. Weltkrieg äußerst erfolgreich in die Reihe der Siegermächte geführt. Aber unmittelbar nach Kriegsende gewann die Labour-Partei die Wahl, weil sie bessere Schulen, bessere Wohnungen und ein staatliches Gesundheitswesen versprach.

Zukunftsprogramme werden von den Regierenden übrigens eher erwartet als von der Opposition: Bei Wahlen geht es meist um die Frage, ob die jeweilige Regierung abgewählt oder bestätigt wird

und weniger um die Strahlkraft der Opposition. Eine gute Regierung wird selten von einer guten Opposition abgelöst, häufiger muss eine schlechte Regierung einer schlechten Opposition weichen.

Für die meisten Bürger orientiert sich die Stimmabgabe eben nicht am Dank für die Vergangenheit. Bei der Antwort auf Zukunftsfragen besteht die Glaubwürdigkeitsfalle für Regierungen darin, mehr oder gänzlich Anderes anzukündigen als man bisher im Amt geleistet hat. „Warum habt Ihr das nicht schon längst umgesetzt?“ ist die schwierigste Frage für regierende Parteien, die Neues vorschlagen.

Die Opposition steht muss ihr Zukunftsprogramm in der Wirklichkeit erden und sich vor dem Vorwurf hüten: „Das ist doch unrealistisch!“ Manchmal scheinen die Ergebnisse denen Recht zu geben, die die Wählerschaft als verführbare Masse sehen, der man ohne Realitätsbezug versprechen sollte, was sie vermeintlich an Angenehmem hören will. Der Mehrwertssteuerwahlkampf 2005 wie auch der Erfolg der Steuersenkungskampagne der FDP 2009 („Mehr Netto vom Brutto“) könnten als Belege dienen.

Aber mittel – und langfristig gilt: Je rosiger die Versprechungen ausfallen umso tiefer ist freilich der Fall danach. So erging es der SPD 2009 und so hat es die FDP danach erlebt, weil sich die Reduzierung ihres Programms auf das Versprechen von Steuersenkungen als Pyrrhussieg herausstellte, der auch noch den Wahlkampf 2013 belastet. Bürger sind klüger als manche Politiker vermuten: Für sie wiegt in der Regel das Versprechen tatsächlicher Glaubwürdigkeit mehr als Versprechungen aus dem Wolkenkuckucksheim. Das zeigen insbesondere die politischen Erfolgsgeschichten von Konrad Adenauer und Helmut Kohl.

Adenauer hat mehrfach Wahlen gewonnen, obwohl (besser: weil!) er sich populistischen Tagesstimmungen nicht beugte. Soziale Marktwirtschaft oder Wiederbewaffnung und NATO-Mitgliedschaft waren höchst umstritten und stießen nach Meinungsumfragen auf klare Ablehnung. Legendär ist Adenauer Antwort an seinen Regierungssprecher Felix von Eckhardt als dieser ihn mit Hinweisgroße Widerstände in der Bevölkerung vom Vorhaben der Wiederbewaffnung abbringen wollte, und „der Alte“ nur lapidar entgegnete: „Wir bleiben dabei, aber Sie haben jetzt mehr Arbeit.“ Adenauerbrachte damit sein Politikverständnis auf den Punkt: Um Mehrheiten für die eigene Überzeugung werben und nicht die eigene Überzeugung nach tagesaktuellen Mehrheiten richten.

Auch Helmut Kohl stand nicht im Verdacht, der „Mode des Zeitgeistes“ – wie er es nannte – nachzugeben. Natürlich interessierte sich auch Kohl immer für die neuesten Umfrageergebnisse, aber sie waren für ihn nicht die Richtschnur des Handelns. Er sagte dazu oft: „Ich gehöre nicht zu denen, die morgens den Finger nass machen, um zu sehen woher der Wind weht, und sich dann möglichst windschnittig aufstellen.“

Konrad Adenauer und Helmut Kohl hatten ein großes Kapital an Verlässlichkeit aufgebaut. Bei ihnen wusste man, woran man war. Da mochte es noch so viel Kritik in Einzelfragen geben, für die meisten Menschen war doch beruhigend, dass – wie es ein Kohl-Kritiker einmal formulierte –, dass rote Telefon bei ihnen auf dem Nachttisch stand.

Insofern sind beiden bisher am längsten amtierenden Kanzler eindrucksvolle Beispiele dafür, dass Wahlerfolge viel mehr mit dem Zukunftskapital der Verlässlichkeit als mit populistischen Versprechungen zu tun haben. Dies zeigt auch ein Blick auf die Bundestagswahlen, die neuen Regierungskoalitionenins Amt verhalfen:

Das Ergebnis der Wahlen 1949 charakterisierte der SPIEGEL am 18. August 1949 als „Vernunftswahlen“. Es sei das Resultat einer „verlorene Sozialisierungsschlacht“ gewesen, weil die SPD für ihr Wirtschaftskonzept einen „Blankoscheck“ verlangt habe. Gegenüber solchen utopischen Versprechungen hätten sich „vernünftige Sentimentalitäten“ durchgesetzt. Was folgte waren zwanzig Jahre mit unionsgeführten Regierungen. Die SPD musste erst mit dem „Godesberger Programm einen radikalen Kurswechsel vom ideologischen Fantasien zur Wirklichkeit vollziehen (Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft und NATO), um den Grundstock für spätere Wahlerfolge zu legen.

Der Regierungswechsel 1969 in Folge eines außerordentlich knappen Wahlergebnisses – noch in der Wahlnacht hatte sich Kanzler Kiesinger als Wahlsieger feiern lassen – wurde erst im Nachhinein zum großen Aufbruch und zur Wende („Mehr Demokratie wagen“) stilisiert. Hans-Jürgen Wischnewski beschrieb damals in einem Aufsatz „Wahlkampf 1969“ treffend, dass nicht Zukunftsversprechungen, sondern Realitätserfahrung den Ausschlag gab: „Aufgrund der von CDU/CSU und FDP verschuldeten Krise, mehr noch aber dank in ihrer Leistungen in der Regierungsverantwortung hat die SPD neue Vertrauensbereiche hinzugewinnen können.“ Die SPD warb mit ihrer Regierungserfahrung und gewann die Wahl 1969 nicht mit populistischen Wahlversprechen und Zukunftsvisionen, mit denen das Datum heute assoziiert wird.

1983 gewannen CDU und CSU mit Helmut Kohl souverän die Bundestagswahl, obwohl sie schmerzhafte Sparmaßnahmen ankündigten und sich klar zum damals in der Bevölkerung mehrheitlich massiv abgelehnten NATO-Doppelbeschluss bekannten. Die Union erreichte ihr mit 48,8 Prozent bis heute zweitbestes Ergebnis (1957: 50,2 Prozent) nicht mit einem Füllhorn von Wahlversprechungen, sondern mit dem Konsolidierungsversprechen zum Abbau der Staatsverschuldung.

Der Regierungswechsel 1998 war ebenfalls nicht Ergebnis populistischer Wahlversprechungen, sondern kam eher auf Samtpfoten. Das im Blick auf die 16-jährige Amtszeit von Helmut Kohl erfolgreiche Wahlkampfmotto „Es ist Zeit für einen Wechsel“ federte Gerhard Schröder ab mit dem beruhigenden: „Wir werden nicht alles anders machen, aber manches besser.“ Auch in diesem Fall war der Wahlerfolg also nicht Ergebnis großer Versprechungen.

2005 brachte zwar einen Kanzlerwechsel zu Angela Merkel trotz der sicherlich nicht populären Ankündigung von CDU/CSU, die Mehrwertsteuer um zwei Prozent zu erhöhen. Freilich musste die Union Stimmverluste von 3,4 Prozent hinnehmen. Die Verluste der SPD waren fast genau groß, obwohl sie ihre Absage an eine solche Mehrwertsteuererhöhung in den Mittelpunkt des Wahlkampfes gestellt hatte.

Dass die Wahlen 2009 einen Wechsel zur Koalition von CDU und FDP ermöglichten, war ebenfalls weit weniger Ergebnis der vehementen Steuersenkungskampagne der FDP (+4,7 Prozent) als vielmehr einer tiefen Krise der SPD (-11,2 Prozent).

Diese Regierungswechsel in der Bundesrepublik Deutschland sind Belege dafür, dass nüchterner Realismus bei Wahlen erfolgreicher ist als wirklichkeitsfremde Versprechungen. Angesichts dieser Erfahrungen drängt sich aber umso mehr die Frage auf, warum Politiker und Parteien immer wieder der Versuchung erliegen, vor der Wahl Versprechungen zu machen, die die meisten Wähler gar nicht für glaubwürdig halten.

Hier konkretisiert sich der schmale Grad zwischen der demokratischen Notwendigkeit, „dem Volk aufs Maul zu schauen“ und der menschlichen Bequemlichkeit, „den Leuten nach dem Mund zu reden“. So wie der Wähler lieber hört, was ihm gefällt, so ist es eine große Versuchung für Kandidaten und Parteien (nur) das zu sagen, was gerne gehört wird.

Der britische Staatsphilosoph und Abgeordnete Edmund Burke hat dazu 1774 in einer Rede an die Wähler von Bristol eine zeitlos gültige Antwort gegeben:

„Es sollte das Glück und der Ruhm eines Volksvertreters sein, in engster Verbindung, völliger Übereinstimmung und rückhaltlosem Gedankenaustauschmit seinen Wählern zu leben. … Doch seine unvoreingenommene Meinung, sein ausgereiftes Urteil, sein erleuchtetes Gewissen sollte er weder euch, noch irgendeinem Menschen oder irgendeiner Gruppe von Menschen aufopfern … Euer Abgeordneter schuldet euch nicht nur seinen ganzen Fleiß, sondern auch einen eigenen Standpunkt; und er verrät euch, anstatt euch zu dienen, wenn er ihn zugunsten eurer Meinung aufopfert.“

Wo bleibt der Wahlkampf? Das Wahl-Roulette-Risiko der Union

Ein Gastbeitrag von Dr. Stephan Eisel

Für mich ist es eine Premiere: Zum ersten mal seit 30 Jahren bin ich nicht unmittelbar in einen Bundestagswahlkampf involviert: 1983, 1987 und 1990 erlebte ich als Mitarbeiter von Helmut Kohl, 1990 und 1994 trug ich Verantwortung als CDU-Kreisvorsitzender und 2002, 2005 sowie 2009 bin ich als Direktkandidat in Bonn angetreten – zuletzt 2009 als Mitglied des Deutschen Bundestages.

Wer nicht im Zentrum des Geschehens ist, erlebt den Wahlkampf mit anderen Augen: Näher an der Sichtweise des „normalen“ Bürgers. Und da fällt vor allem auf, dass 50 Tage vor dem Wahltag keine Wahlkampfstimmung zu spüren ist. Sicherlich: Die ersten Plakate sind zu sehen und in den Medien spielen sich üblichen Rollenspiele ab. Aber die Menschen diskutieren nicht, außerhalb der Medien gibt es kein wirklich bewegendes politisches Thema und es liegt keine Spannung in der Luft. Glaubt man den Umfragen, müsste die Wahl gar nicht mehr stattfinden …

 Die Zahlen

Umfragen geben vor Wahlen zwar interessante Hinweise, aber sie können auch in die Irre führen – vor allem, wenn das letzte Wahlergebnis als entscheidender Bezugspunkt in Vergessenheit gerät. 2009 hatte Schwarzgelb zusammen 48,4 Prozent der Stimmen erreicht, Rotgrün kam mit der Linkspartei bei 45,6 Prozent. Jetzt steht Schwarzgelb nach den Umfragen zwischen 44 und 48 Prozent und Rotgrün mit der Linkspartei bei 40 – 49 Prozent. Man kann also nicht sagen, dass sich das Regierungslager einen Vorsprung herausgearbeitet hätte.

Die Dramatik der Lage wird angesichts der Umfragewerte der FDP von 4-6 Prozent deutlich. Schafft sie die 5-Prozent-Hürde nicht, ist diese Regierung in jedem Fall gescheitert. Aber auch wenn die FDP wie schon häufig das eigene Überleben zum Wahlkampfthema macht, wird das eher die Union schwächen als dem Regierungslager neue Wähler zuzuführen.

Die SPD hatte 2009 mit 23 Prozent ein katastrophales Ergebnis und scheint mit einem leichten Zuwachs rechnen zu können. Sie bleibt aber klar nicht nur hinter den eigenen Erwartungen zurück. Dagegen liegen die Grünen um bis zur vier Prozent über ihrem letzten Wahlergebnis. Die Umfragen signalisieren deshalb für Rotgrün insgesamt einen Zuwachs von bis zu 7 Prozent. Das ist mehr als eine Kompensation für die prognostizierten Verluste der Linkspartei.

Die Strategie der Union

Überraschende strategische Wendungen sind von den Parteien so kurz vor der Wahl nicht mehr zu erwarten:

Die Union setzt ganz auf Angela Merkel und hat sich ansonsten eher für einen themenlosen Wahlkampf entschieden. Die Solidität der Krisenbewältigung rangiert klar vor der Beschreibung des eigenen politischen Gestaltungswillens. „Auf den Kanzler“ kommt es an: damit haben CDU und CSU schon Wahlen gewonnen – und verloren.

Außerdem hat die Führung der Union innerhalb nur einer Legislaturperiode u. a. mit der Aussetzung der Wehrpflicht, in der Familienpolitik, beim Mindestlohn oder mit dem Ausstieg aus der Kernenergie nicht nur wesentliche Konfliktpunkte mit Rotgrün abgeräumt, sondern auch Kernpunkte eigener Identität aufgeben – meist ohne die eigene Basis in die Entscheidungsfindung einzubinden. Es handelte sich um von oben verordnete, in den Führungsgremien entschiedene und nicht von unten gewachsene Richtungswechsel. Zwar gibt es gute sachliche Gründe für jeden dieser Schritte (und auch dagegen), aber in ihrer Häufung führen sie zu massiver Verunsicherung in eigenen Stammwählerschaft.

„Wofür stehen die CDU und CSU ?“ ist die gefährlichste Frage für Union in der heißen Wahlkampfphase (und übrigens auch bei einer anschließenden Regierungsbildung). Die eigene Stammwählerschaft ist verunsichert. Außerdem hat die die in der Unionsspitze populäre (da 2009 erfolgreiche) Wahlkampfstrategie der „asymmetrischen Demobilisierung“mit ihrer Konfliktvermeidung, um potentiellen Wähler des politischen Gegners nicht zu mobilisieren, das Risiko, auch die eigene Stammwählerschaft einzuschläfern.

Das Risiko der Union

Die eigene Anhängerschaft ist aber für jede Partei die wichtigste Streitmacht im Wahlkampf. Heiner Geißler sagte einmal zu Recht: „Mundfunk ist wichtiger als Rundfunk“. Es ist kein Zufall, dass die Union ihre größten Wahlerfolge einfuhr als sie 1957 (Wiederbewaffnung: 50,2 Prozent), 1976 (Freiheit statt Sozialismus: 48,6 Prozent ) und 1983 (Nato-Doppelbeschluss: 48,8 Prozent) ihr eigenes Profil betonte und politischen Konflikten nicht auswich.

Die Versuchung eines personenbezogener Kanzlerwahlkampfes ohne Thema liegt angesichts der großen Anerkennung für Angela Merkel nahe. Sie schafft aber auch ein Vakuum, in dem Stimmungen, unvorhersehbare Ereignisse und eigene Fehler schnell besonders große Wirkung entfalten können. Der themenfreie Wahlkampf verzichtet auf ein verankertes inhaltliches Profil als Bollwerk gegen populistische Stimmungsschwankungen und nähert sich stattdessen dem stimmungsabhängigen politischen Roulette: es kann gutgehen oder auch nicht.

Die Koalition aus CDU, CSU und FDP hat durchaus eine Chance auf den Wahlsieg: Aber weniger wegen der eigenen Stärke, sondern vor allem wegen der Schwäche der SPD. Diese findet kein Thema und hat einen glücklosen Spitzenkandidaten. Gemessen daran müsste der Koalitionsvorsprung aber viel höher ausfallen.

Man muss leider daran erinnern:

2005 sagten alle (!) Umfragen für CDU/CSU noch eine Woche vor der Wahl ein Ergebnis von 41-42 Prozent voraus. Das Wahlergebnis lag dann bei 35,2 Prozent.

2009 lag die Union Ende Juli in den Umfragen bei ca. 38 Prozent und erreichte dann 33,8 Prozent.

Und 2013 …. ???

 

Mein Jahr im Freiwilligen Politischen Leben bei der Karl-Arnold-Stiftung

Liebe Leserinnen und Leser,

heute bloggt hier mal unsere Praktikantin, die in ihrem Bericht auf ein Jahr politische Bildungsarbeit für und mit uns zurück blickt. Das Wort hat Alina Möller-Börkel:

Ich habe im Sommer 2012 mein Abitur gemacht. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, was ich später vielleicht mal machen möchte. Damit ich mich besser orientieren kann, habe ich mich dazu entschieden, ein Freiwilliges Jahr im politischen Leben zu machen.

FJP – kann man das essen?

Unter einem Freiwilligen Jahr im politischen Leben konnten sich die meisten Leute in meinem Bekanntenkreis erst mal nichts vorstellen und ein Freund meines Bruders, der ein Freiwilliges soziales Jahr gemacht hatte, warnte mich, dass da nur Leute mitmachen, die die nächsten Bundestagskanzler*in werden wollen. Ich habe mich trotzdem dazu entschieden, bei der Karl-Arnold-Stiftung ein Freiwilliges Jahr zu machen und habe diese Entscheidung bis jetzt nicht bereut😉. Ein paar der anderen FJPler*innen, mit denen ich Seminare erlebt habe, haben zum Beispiel bei der Welthungerhilfe oder im Landtag in der Verwaltung mitgearbeitet, aber es gab auch einige, die wie ich in einer Stiftung für politische Bildung waren. Ich hatte mich für diese Stiftung entschieden, weil ich politische Bildung sehr wichtig finde und mich die Vielfalt der angebotenen Seminare angesprochen hat.

Einmal Frankfurt und zurück

Ein freiwilliges Jahr geht meistens von Anfang September bis Ende August. Ich konnte meine neuen Kolleginnen und Kollegen schon vor dem eigentlichen Start im August auf einem Betriebsausflug nach Frankfurt kennenlernen. Zu dem Ausflug kam auch mein Vorgänger mit, sodass ich mich mit ihm noch ein bisschen über meine künftige Arbeit austauschen konnte, und nachdem wir trotz einer kleinen ICE-Panne auf dem Rückweg wieder gut zu Hause angekommen waren, ging es ein paar Tage später richtig los.

Tägliche Aufgaben und Pflichten

Mein Vorgänger hatte mir eine Zusammenfassung meiner täglichen Aufgaben geschrieben, sodass ich mich relativ schnell einarbeiten konnte. Ich habe in diesem Jahr hauptsächlich die HPMs (hauptamtliche pädagogische Mitarbeiter*innen) unterstützt, das heißt Unterlagen für die Seminare vorbereitet, Befragungen nach den Seminaren durchgeführt und die Homepage mit betreut. Besonderen Spaß hat es mir immer gemacht, wenn Gruppen bei uns im Haus waren und ich diese auf den Seminaren begleiten konnte. So war ich mehrere Male mit Gruppen im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, im Palais Schaumburg, im Konrad-Adenauer-Haus und einmal auch im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und im Verteidigungsministerium.

Berlin, Berlin wir fahren nach Berlin!

Ein Höhepunkt in meinem Freiwilligen Jahr war eine Berlin-Fahrt, die ich mit Unterstützung der HPMs selbstständig geplant und organisiert habe. Als ich am 28.09.2012 die Mail bekam, ich solle ein „Seminar von der Anbahnung bis zur Durchführung und Abwicklung komplett betreuen“, war so ziemlich mein erster Gedanke „Oh mein Gott, das schaff ich nie!“, trotzdem legte ich los und verschickte Anfragen an Hotels und Busunternehmen. Nachdem ich die benötigten Zusagen hatte, ging es an die konkrete Planung. Institutionen und Gedenkstätten wurden angefragt, Zeiten abgestimmt und Essen bestellt. Am Ende kam ein Programm zustande, an dem ich als Schülerin auch gerne teilgenommen hätte. Im Januar durfte ich dann mit nach Berlin fahren und konnte sehen, dass tatsächlich alles so geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt hatte. Neben den interessanten und teilweise beeindruckenden Besuchen in den verschiedenen Gedenkstätten und Institutionen hatte ich ein paar nette Abende mit den begleitenden Lehrkräften und dem Tagungsleiter in unserer „Stammkneipe“ ein paar Straßen von unserem Hotel entfernt. Diese Erfahrung, nicht mehr Teilnehmerin, sondern Tagungsleiterin zu sein, ist eine weitere, die ich in diesem Jahr immer wieder gemacht habe.

Nichts gegen die Mitarbeit in der Stiftung, aber…

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des FJPs ist die Teilnahme an vier Pflicht- und einem Wahlseminar, durchgeführt von der ijgd (internationale Jugendgemeinschaftsdienste). Auf den Seminaren kommt man mit anderen Freiwilligen in Kontakt und kann sich über die Arbeit austauschen, außerdem werden immer viele interessante Themen behandelt. Die Pflichtseminare verbringt man in einer festen Gruppe mit den anderen FJPler*innen aus Nordrhein Westfalen und Hessen. Die Seminare werden immer von den Teilnehmenden selbst organisiert, vom Einkaufen und Kochen in Kochgruppen über die Planung der Seminarthemen bis zur Mitgestaltung der Einheiten auf den Seminaren. So wird auf den Seminaren auch thematisch das behandelt, was einen Großteil der Gruppe interessiert, denn wie bei einer FJP-Gruppe nicht anders zu erwarten, wird demokratisch gewählt, was auf dem nächsten Seminar stattfinden wird.
Einheiten, die wir zum Beispiel gemacht haben, reichten vom Bauen von Notizbüchern aus Holz (1. Seminar) über das Planspiel „Rosanien in der Krise“ (2. Seminar) bis hin zu einer gemeinsamen Kanutour (letztes Seminar). Ein Thema, das uns über alle Seminare hinweg begleitete, war das Thema „Sexismus“, und so hatten wir auf dem 3. Seminar zwei Mitarbeiterinnen aus einer Beratungsstelle für Frauen aus Wuppertal zu uns eingeladen. Wer es bis dahin noch nicht machte, musste nach dem interessanten Gespräch mit den beiden Damen aufpassen, dass sie, beziehungswiese er, auch alles in Gesprächen in der Gruppe richtig genderte.
Das Wahlseminar habe ich zusammen mit drei anderen aus meiner Seminargruppe, 15 FSJlerinnen und einem FSJler auf einem Demeterhof verbracht, ebenfalls eine interessante Woche in der ich viel Neues gelernt habe. Seitdem achte ich zum Beispiel viel mehr darauf, wo mein Essen herkommt und dass ich nicht mehr so viel gutes Essen wegschmeiße.

To put it in a nutshell

Mein Freiwilliges Jahr möchte ich nicht mehr missen. Ich konnte Unmengen an neuen Erfahrungen sammeln und viele Kontakte und Freundschaften knüpfen. Mein Ziel vom FJP, mich zu orientieren, habe ich ebenfalls erreicht und konnte mich endlich für einen Studiengang entscheiden. Somit war es ein voller Erfolg, und wenn ich auch mit positiven Erwartungen in die Zukunft blicke und mich freue, bald etwas Neues anfangen zu können, so werde ich auch immer wieder an die Zeit bei der Karl-Arnold-Stiftung zurückdenken und mich an die vielen tollen Erlebnisse erinnern, die ich in diesem Jahr gemacht habe.
An dieser Stelle möchte ich deshalb auch noch mal allen danken, die dazu beigetragen haben, dass mein FJP so ein voller Erfolg war: VIELEN DANK!!!

Planspiele in der politischen Bildung

Liebe Leserinnen und Leser,

heute veröffentlichen wir einen Gastbeitrag zur Bedeutung von Planspielen in der politischen Bildung und bedanken uns für die freundliche Überlassung des Textes bei Herrn Markus W. Behne, Geschäftsführer CIVIC – Institut für internationale Bildung.

Planspiele haben in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, schulisch wie non-formal, eine inzwischen überaus große Bedeutung. Dies hat auch dazu geführt, dass die Methode deutlich ausdifferenziert wurde und einige Planspiele eher Konferenzsimulationen oder erweiterte Rollenspiele darstellen.

Planspiele sind in einem bestimmten Verständnis die Kombination aus unterschiedlichen, eigenständigen Methoden. Zumindest Fallstudie und Rollenspiel sind in jedem Planspiel enthalten und haben ihre besondere Bedeutung für diese multi-methodische Makromethode.

Die Einleitung sowie die Informations- und Lesephase haben im Planspiel die Bedeutung, die Lernenden mit der Methode, besonders der Plan- und der Rollenfunktion, und dem politischen, kulturellen oder ökonomischen Fall vertraut zu machen. In die Fallstudie werden die wesentlichen Elemente der Sachanalyse einfließen und das Szenario des Spiels beherrschen, aber auch in die unterschiedlichen Rollen- und Gruppenbeschreibungen bzw. –profile einfließen. Realistische Problembeschreibung, mögliche kontroverse Lösungswege und Alternativen können in unterschiedlichem Maße angedeutet oder konkret dargestellt werden. Die Fallstudie sollte in einem umfangreicheren Maße auch in der schriftlichen Einleitung eines Planspiels enthalten sein, um die Planspielleitung umfänglich über den Sachinhalt aufzuklären.

Die Rolle in einem Planspiel bietet den Spielenden eine Handreichung, um sich mit dem jeweiligen konstruierten oder aus der Realität entliehenen Akteur im Prozess zu identifizieren. Die notwendige Identifizierung kann durch das frei gegebene, individuelle Finden eines passenden Namens kreativ unterstützt werden. Es ist notwendig klar zu machen, dass sich der Spieler oder die Spielerin an die Vorgaben des Rollenprofils hält. Andererseits muss das Profil so offen konstruiert sein, dass der Spieler oder die Spielerin die Rolle ausfüllen und weiterentwickeln kann. Ein Rollenprofil in einem Planspiel wird keine Entscheidung vorschreiben, auch wenn von der Spielleitung in der Einleitung vornherein klar gemacht werden muss, dass Rollenbeschreibungen, Gruppenprofile, Szenario (Gegenstand) selbst nicht durch die Spielenden vorgegeben sind, sondern durch die Spielleitung. „Denn das allein ist deine Aufgabe: Die dir zugeteilte Rolle gut zu spielen; sie auszuwählen, ist Sache eines anderen.“ Epiktet[1].

Dagegen sind das Spiel, der Prozess, selbst und das zu findende Ergebnis, die Lösung, nicht durch die Autor/-innen und die Spielleitung vorgegeben. Das Planspiel muss nicht nur aus didaktischen Erwägungen Partizipation generieren, es lebt auch schlichtweg vom Spielen der Rollen. „Spiele keine Rolle, sei sie!“, ist ein möglicher Schlüsselsatz in der Einleitung zu einem Planspiel. Eine Rolle spielen bedeutet, in eine fremde Identität schlüpfen. Grundsätzlich sollte kein Spielender eine Rolle spielen, die er/sie sowieso im bürgerlichen Leben „spielt“. Je ambitionierter die Spielenden ihre Rolle spielen, desto intensiver und nachhaltiger ist die (Lern-)Erfahrung. Dies gilt für die eigene Rolle genauso wie für die Rolle der anderen. Die gelegentlich zu findende Problematisierung des psychologischen Verhältnisses von Rolle und Identität mag in besonderen Fällen zu beobachten sein, wenn das Verlassen der gespielten Rolle am Ende des Planspiels als besondere Herausforderung betrachtet wird. In der Regel sind Schülerinnen und Schüler oder andere Jugendliche und auch Erwachsene hierzu ohne weiteres in der Lage.

Anders als die vorgegebenen oder zu findenden Ergebnisse in der Einzelmethode Fallstudie und die zumeist vorgegebenen und nur zum Teil offenen Lösungen in der Einzelmethode Rollenspiel, sind Planspiele vom Prinzip her offen. Dieses Charakteristikum ermöglicht es den Spielenden frei Entscheidungskompetenzen einzuüben. Das Spiel ist ein gefahrenfreier Raum, in dem verschiedene Wege genutzt werden können ohne die Konsequenzen in allen Details befürchten zu müssen. Deshalb ist auch die Simulation didaktisch betrachtet ein Vorteil gegenüber der realen Handlung. Auf der anderen Seite bedeutet diese Offenheit aber auch einen Kontrollverlust der Lehrenden. Die Reflektion benötigt daher in besonderem Maße Zeit, Stringenz und Flexibilität. Lehrziel und Lernergebnis können in einem viel weiteren Umfang als in anderen Methoden nicht deckungsgleich sein. Weil oft die sozial-emotionale Erfahrung zunächst stärker im Vordergrund steht als bewusste Kognition, muss sowohl diese Ebene erarbeitet werden, als auch das Ergebnis selbst. Bei diesem ist vor allem darauf zu achten, dass Spielergebnis und Realität verglichen werden und die Unterschiede im Lösungsfindungsprozess herausgearbeitet werden. Ist das Ergebnis unter-komplex kann der Eindruck entstehen: „Die Politiker tun immer so wichtig, dabei ist eine Lösungsfindung ganz einfach!“ Allerdings ist diese Sichtweise tatsächlich viel weniger häufig als dies manche theoretische Betrachtungen zu den Möglichkeiten und Fehlerquellen von Planspielen annehmen oder suggerieren [2]. Ist das Ergebnis über-komplex, ist es für die Schülerinnen und Schüler nur zum Teil nachvollziehbar, was die Nachhaltigkeit der Lernerfahrung gefährdet. Die Erfahrung zeigt, dass dieser Effekt manche Rollen im Besonderen betrifft (Mediengruppe, Lobby-Rollen, Antragsteller, die nicht in die Prozesse in den entscheidenden Gremien involviert sind). Eine Möglichkeit diesem Effekt entgegenzuwirken ist es, den Gruppenmitgliedern die beobachtende Teilnahme an den Gruppensitzungen entscheidender Gremien teilnehmen zu lassen. Positiv für die Auswertung kann sich diese Variante niederschlagen, weil zusätzliche, mehr oder weniger objektive Betrachtungen hinzu gezogen werden können und nicht nur die Spielleitung berichtet, was sie wahrgenommen hat. Wenn diese Teilnahme aber in Ruhestörung umschlägt, muss es den Gremienleitungen möglich gemacht werden, den Gremienfremden die Teilnahme zu untersagen.“

Fußnoten:
1 Epiktet (50-125), Handbüchlein der Moral.
2 Detjen, Joachim 2004, „Europäische Unübersichtlichkeiten“. Wie soll die politische Bildung mit der Kompliziertheit und Intransparenz der Europäischen Union umgehen?, in: Weißeno, Georg (Hg.), Europa verstehen lernen. Eine Aufgabe des Politikunterrichts, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 423, S. 126-134, hier: S. 140.

Dieser Auszug entstammt:
Behne, Markus W. (2013), How to do Planspiel. Zu Strukturelementen, Konstruktionsprinzipien und Möglichkeiten der Makromethode in der Politischen Bildung, in: Politik unterrichten. Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung Niedersachsen, Heft 1/13.